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Über das Leben an und nach der Universität

Doppelter Abschied von Präsident und Kanzler

In den vergangenen zehn Jahren haben Professor Michael Weber als Präsident und Kanzler Dieter Kaufmann die Uni Ulm gemeinsam geleitet. Nun gehen beide in den Ruhestand: der Kanzler Ende Juni, der Präsident Ende September. Im großen Abschiedsinterview berichten sie von Herausforderungen, geben Einblick in ihre Arbeitsbeziehung und verraten, was jetzt kommt.

Herr Prof. Weber, Herr Kaufmann: Fällt Ihnen der Abschied von der Uni schwer?
Michael Weber: »Natürlich fällt er schwer, man merkt schon ein bisschen Wehmut. Wenn man sein halbes Leben an der Uni verbracht hat, ist das ein Teil des Lebens. Aber ich freue mich jetzt auch darauf, in die nächste Lebensphase einzutreten. Es ist eine schöne Erwartung, von sehr viel Fremdbestimmung in mehr Selbstbestimmung zu kommen.«
Dieter Kaufmann: »Man betrachtet das durchaus mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich habe diese Aufgabe an der Uni gerne gemacht, habe vieles gestalten und bewegen können. Anderes musste dafür zurückstehen: Kultur, Oper, Theater. Jetzt habe ich mehr Möglichkeiten, das gemeinsam mit meiner Frau zu gestalten. Es gibt auch ein Leben nach der Universität.« 

Sie verlassen beide die Uni Ulm innerhalb weniger Monate nacheinander. War das geplant?
Kaufmann: »Es war klar, dass wir aufgrund der Länge unserer Amtszeiten beide im selben Jahr in den Ruhestand gehen. Dass es nun ein Jahr früher ist als geplant, ist Zufall. Als Beamter werde ich mit 70 automatisch in den Ruhestand versetzt.«
Weber: »Hätten wir uns als Exzellenzuniversität bewerben dürfen, hätte ich den Prozess über meine Ruhestandsgrenze hinaus mit begleitet und hoffentlich erfolgreich gestaltet. Jetzt hat die Nachfolge mehr Zeit, Neues aufzubauen.« 

Während meiner Präsidentschaft ist es uns gelungen, etwa 50 Schwerpunkte der Forschung auf letztlich vier große Metathemen zu fokussieren

Herr Weber, Sie sind 1994 als Professor nach Ulm gekommen. Was für eine Universität haben Sie damals vorgefunden? 
Weber: »Die Uni war mit 5000 Studierenden viel kleiner, auch was die Anzahl der Gebäude angeht. Alles war kompakter, schnuckeliger. Der Wettbewerbsdruck, den es damals natürlich auch gab, war deutlich niedriger, die Ansprüche an die Universitätsleitung auch. Es war viel unbürokratischer. Es gab weniger Berichtspflichten und Datenerhebungen, dafür mehr Autonomie. Man hatte größere Handlungsfreiheit. Heute sind wir ein Wissenschaftsbetrieb, der gut funktionierende Management- und Governance-Strukturen braucht.«

Wie hat sich die Uni Ulm unter Ihrer Präsidentschaft verändert? 
Weber: »Während meiner Präsidentschaft ist es uns gelungen, etwa 50 Schwerpunkte der Forschung auf letztlich vier große Metathemen zu fokussieren. Das ist auch in der Uni akzeptiert. Dass sich in diesen großen strategischen Feldern jede und jeder irgendwo wiederfindet, ist uns in den letzten zehn Jahren glaube ich ganz gut gelungen.«

Herr Kaufmann, Sie waren seit 2005 der Finanzchef der Uni Ulm. Als Sprecher der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler waren Sie viele Jahre auch im Austausch mit anderen Hochschulen. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an der Uni Ulm? 
Kaufmann: »Mit der Kombination aus MINT-Fächern, Medizin, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften haben wir ein einzigartiges Profil. Es ist uns gelungen, die Studierendenzahl auf rund 10 000 zu steigern und durch zukunftsorientierte Forschungsthemen wie die Quantenwissenschaften und die Batterieforschung auch die Drittmittel deutlich zu steigern. Dennoch sind wir immer noch eine sehr familiäre Uni und wenig hierarchisch aufgestellt. Wir sind immer um Konsens bemüht.« 
Weber: »Als Uni zeichnet uns aus, dass wir uns im Präsidium und im Senat als Kollegialorgane verstehen. Wir diskutieren natürlich, aber am Ende treffen wir in der Regel eine gemeinsame Entscheidung, die alle vertreten und mittragen – auch, wenn man mit einer anderen Position in die Debatte gegangen ist. Diese Einigkeit und Geschlossenheit sind essenziell, um Dinge innerhalb der Universität voranzubringen.«  

Wie würden Sie beide Ihr Arbeitsverhältnis beschreiben? 
Weber: »Wir haben eine persönliche Beziehung entwickelt, in der man häufig in der eigenen Positionsfindung schon die Position des anderen mitdenkt und dann in der Zielvorstellung oft nah beieinander ist. Man kennt sich recht gut. Man muss wissen, was den anderen umtreibt, unter welchen Zwängen er steht.« 
Kaufmann: »Wir haben ein großes Vertrauen zueinander entwickelt. Man fragt sich: Wie wird der andere das in seiner Rolle beurteilen? Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis dafür, was der Uni hilft.« 

Was war Ihre jeweils größte Herausforderung, und wie haben Sie sie gemeistert?
Kaufmann: »Das verändert sich über die Zeit. Aktuell ist es der Sanierungsstau, das sind große Aufgaben. Eine andere große Herausforderung war die Hochschulfinanzierungsvereinbarung II und die daraus folgende Sparrunde.«
Weber: »Ein anderes Megathema ist: Wie schaffen wir es, die Uni in den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gut aufzustellen? Das ist eine große, spannende, dynamische Herausforderung. Dann natürlich Corona, als wir innerhalb kürzester Zeit die Uni schließen und dann in die Lage versetzen mussten, wieder zu öffnen. Das war damals ein 24/7-Job und eine anstrengende Zeit, aber das haben wir sehr gut hingekriegt. Das stimmt mich zuversichtlich, dass die Uni Ulm sehr resilient agieren kann.« 
Kaufmann: »Und das waren natürlich nicht nur wir zwei, sondern eine tolle Mannschaft. Das gemeinsame Agieren und Unterhaken ist eine Besonderheit der Uni Ulm.« 

Über Dieter Kaufmann
Dieter Kaufmann (Jahrgang 1956) wurde 2005 Kanzler an der Universität Ulm. Er kam von der Universität Stuttgart, wo er 21 Jahre lang das Finanzdezernat geleitet hatte und seit 1996 Stellvertreter des dortigen Kanzlers war. Auch sein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit technischer Orientierung hatte der gebürtige Tübinger an der Universität Stuttgart absolviert. Danach war er in verschiedenen Positionen in der Stuttgarter Universitätsverwaltung und im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst tätig. Neben seinen Verpflichtungen als Kanzler der Universität Ulm war und ist Dieter Kaufmann vielfach engagiert: Seit 2015 ist er Bundessprecher der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten Deutschlands. Bereits seit 2008 ist er Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Wissenschaftsmanagement Speyer und hat zahlreiche weitere Ehrenämter inne. Dieter Kaufmann ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Weber: »Ich bin generell stolz auf die Uni, wie sie sich im Land, national und international als Forschungsuni positioniert hat, auf den Impact, den sie in der Region hat, und auf unsere tolle Belegschaft. Da kann man selbst auch stolz drauf sein, dass man seinen Beitrag geleistet hat.« 
Kaufmann: »Ich bin stolz, dass es uns gelungen ist, manche Berufung in Konkurrenz zu deutlich potenteren Unis nach Ulm zu bekommen. Und ganz persönlich bin ich auf zwei Dinge stolz: Dass wir dem Bauamt klarmachen konnten, dass ein Biergarten an der Uni eine ganz tolle Institution ist – und dass ich im Gespräch mit Intendant Kay Metzger die Theater-Flatrate für Studierende eintüten konnte. So unterstützen wir das soziale Leben der Beschäftigten und der Studierenden.«

Die Hochschullandschaft steht unter Druck: Finanzierungsprobleme, demografischer Wandel, KI in Lehre und Forschung. Auch in Ulm ringen wir um ausreichend Studierende. Wie kann sich unsere Universität gut für die Zukunft aufstellen?
Weber: »Wir wollen das Studienangebot modernisieren und auch unsere internationalen Anstrengungen zielorientiert und strategisch verbessern. Der wichtigste Schritt hierbei ist das neue Dezernat VI Internationale Angelegenheiten, mit dem wir uns besser positionieren. Mit den Forschungsinkubatoren wollen wir neue Themenfelder erschließen, die wichtig sind, um Verbundprojekte einzuwerben. Dabei geht es um Themen an Schnittstellen zwischen den Fächern, die von Grund auf neu sind und die dann die Impulse geben, die die Universität hoffentlich in den kommenden 15 bis 20 Jahren tragen. Eine der Hauptaufgaben wird sein, dieses ›Out of the Box‹-Denken innerhalb der Fächer und vor allem an den Schnittstellen zwischen unseren vier Fakultäten anzuregen.« 
Kaufmann: »Die Universität muss sich im Klaren sein, dass die Bewahrung des Status Quo ein Rückschritt ist. Die wesentliche Frage in allen Gremien muss sein: Wie kommt das Neue in die Uni?« 

Wir sind immer noch eine sehr familiäre Uni und wenig hierarchisch aufgestellt

Was werden Sie vermissen – und worüber werden Sie heimlich froh sein?
Kaufmann: »Die tolle Zusammenarbeit im Präsidium habe ich sehr geschätzt, auch die tolle Zusammenarbeit mit den Dezernentinnen und Dezernenten. Manche Termine werde ich 
nicht vermissen.« 
Weber: »Die gute Zusammenarbeit im Präsidium kann ich nur unterstreichen, ich habe mich immer auf die Sitzungen gefreut. Vermissen werde ich auch die Begehungen mit den Teams der Verbundprojekte und dabei zu helfen, Projekte durchzubekommen. Das hat mir immer unheimlich viel Spaß gemacht und es war mir wichtig, mich vor und hinter die Forschenden zu stellen. Den kleinteiligen Dissens und Partikularinteressenausgleich vermisse ich eher nicht.« 

Herr Kaufmann, Sie haben 21 Jahre an der Uni Ulm verbracht. Bei Ihnen, Herr Weber, sind es sogar 32 Jahre. Gibt es überhaupt ein Leben nach der Uni Ulm? Was kommt jetzt?
Weber: »Am 1. Oktober stelle ich mir keinen Wecker (lacht). Ich lasse das auf mich zukommen – meine Ehrenämter laufen weiter, und die Reise-Bucketlist ist voll.«
Kaufmann: »Ich werde am 1. Juli bei der Mitgliederversammlung der DFG sein, wo ich meinen letzten Termin als Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses habe. Ich werde weiterhin im Vorstand des Zentrums für Wissenschaftsmanagement aktiv sein. Und ich werde viel im Theater, in der Oper und auf Reisen sein.«

Was wünschen Sie der Universität und ihren Mitgliedern? 
Kaufmann: »Ich wünsche mir, dass die Universität die Besonderheiten, die sie hat und die enge Verbundenheit zwischen allen Beteiligten weiterhin erhalten und sich weiterentwickeln 
kann und dass es ein tolles Zusammenwirken zwischen allen Gruppierungen gibt.« 
Weber: »Zuversicht, Freude an den Fragestellungen der Zukunft und daran, einen eigenen Beitrag zu leisten. Den Studierenden wünsche ich, dass sie hier eine hervorragende Vorbereitung für ihren Lebensweg bekommen.«

Über Prof. Dr.-Ing. Michael Weber
Seit 2015 ist Professor Michael Weber (Jahrgang 1959) Präsident der Universität Ulm. Bereits 1994 hatte er den Ruf auf die Professur für Verteilte Systeme an der Uni Ulm angenommen, seit 2000 hatte er das Institut für Medieninformatik geleitet. Nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Präsident setzte er sich für die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Fächern ein.  
Der gebürtige Pfälzer hat an der Universität Kaiserslautern Informatik studiert und dort auch promoviert. Bevor er nach Ulm kam, arbeitete er als Entwicklungsingenieur in der Industrie und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Neben Forschung und Lehre hat Michael Weber stets die Entwicklung der Universität Ulm mitgestaltet, etwa als Dekan (2008-2010) der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und Informatik und ab 2010 als gewähltes Mitglied im Senat. Von 2024 bis 2026 war er zudem Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt im Ulmer Umland.

Interview: Christine Liebhardt
Fotos: Elvira Eberhardt